Jäger und Sammler der Emotionen

Für Stephan Wiesinger sind Möbel Wegbegleiter – egal, ob sie erst gestern oder schon vor 80 Jahren produziert worden sind.

Sammeln kann man ja vieles. Briefmarken etwa, der Klassiker. Oder Zwei-Euro-Münzen mit Sonderprägungen. Oder Fußbälle. Oder Steine. Oder Kappen. Und ja, auch Möbel. Stephan Wiesingers Herz schlägt bei all diesen Dingen höher – und das, seit er fünf Jahre alt war: „Das Entdecken hat mir immer schon getaugt. Man lernt nie aus, findet immer wieder etwas Neues.“ Beziehungsweise wie bei Wiesingers aktuellem Projekt eher Altes: In seinem Showroom „Möbel vom Wiesinger“ restauriert und kuratiert er Sitzmöbel, Kommoden, Tische, Lampen und andere zeitlos schöne Objekte. Ihren Weg in das ehemalige Lager in der Bandgasse 19 haben die rund 120 Stücke vom Keller von Wiesingers Eltern gefunden. Irgendwann war der nämlich verständlicherweise voll. Obwohl: „Meine Eltern haben immer an mich geglaubt und mich unterstützt. Meine Verwandten dachten eher, ich sei ein Möbel-Messie.“

Dass diesen Wow-Effekt nicht alle nachvollziehen können oder sich leisten wollen, ist Wiesinger klar: „Die einen haben ein Faible für Handtaschen, ich habe ein Faible für Möbel.“ Obwohl Faible wohl untertrieben ist. Spricht man mit Wiesinger über die Anfänge seines Unternehmens vor sechs Jahren auf einem Flohmarkt im 22. Bezirk, wird nämlich schnell klar: Da steckt viel Herzblut dahinter. „Es war ein Sessel von Skive Møbelfabrik, den ich damals um 300 Euro gekauft habe – mein erstes dänisches Stück. Vollholz, aber unglaublich leicht und luftig, von allen Seiten einfach wunderschön. Die perfekte Vollendung eines Sitzmöbels. Ich würde ihn nie hergeben.“ Nicht Liebe, aber ein „Wow" auf den ersten Blick, das den Weg für mehr geebnet hat.

Mehr als nur Möbel sind die Stücke auch für Wiesinger: eher Wegbegleiter für eine bestimmte Zeit mit viel Historie. „Sicher, Sessel sind in erster Linie zum Sitzen da. Aber für mich sind sie vielmehr Skulpturen, Objekte, an denen man Freude hat. Jedes Möbelstück hat seine Geschichte, die wiederum zum Raumgefühl beiträgt.“ Wie der Schreibtischsessel, den Wiesinger von einer 70-Jährigen samt Original-Rechnung über 1.000 Schilling erstanden hat. „Der Sessel wurde quasi nie benutzt. Die alte Dame war aber so glücklich, ihn nicht wegschmeißen zu müssen, als ich ihn abgeholt habe. Auch jetzt denke ich noch oft an sie, wenn ich auf diesem Stuhl sitze. Das ist wie ein emotionales Erbe, das weitergetragen wird.“ Ja, sammeln kann man vieles: Briefmarken, Münzen, Kappen, Möbel – und auch Gefühle. Info und Online-Shop: www.wiesinger.furniture


Text:
Andrea Peetz
Fotos: Stephan Wiesinger