Schmuck trifft Extravaganz

Das Label „un-wearable“ spielt mit Materialien und 3D-Formen.

Dass Schmuck nicht gleich Schmuck ist, wird offensichtlich, wenn man sich Güzin-Deveci Gröhs Kollektionen widmet. Dabei war ihr anfangs gar nicht bewusst, dass diese Kunstform fortan ein Bestandteil ihres Lebens sein würde. „Kreativ war ich schon immer. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie alles begonnen hat“, bemerkt die 51-Jährige mit einem Lächeln. Allerdings kann sie ihre Leidenschaft für Preziosen kaum verbergen. Die merkt man schon daran, wie sie von ihren Werkstücken spricht, wie sie erklärt, wie diese entstehen und wovon sie sich inspirieren lässt. In Ankara geboren und 1998 nach Deutschland ausgewandert, fand sie dort ihr privates Glück. Ein Jahr später zog es sie mit ihrem Mann nach Wien. In ihrem Brötchenberuf als Pädagogin unterrichtet sie als muttersprachliche Zusatzlehrerin Kinder mit türkischen Wurzeln und bereitet sie auf das Leben in Österreich vor.

Doch der Kunst ist sie immer treu geblieben. Und so kam es, dass sie 2015 das SchmuckDesign Kolleg in der Ottakringer Herbststraße besuchte, um sich einige Fertigkeiten und Arbeitsweisen aus der Schmuckerzeugung anzueignen. „Schon damals war es mir besonders wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen. Also habe ich mit eher außergewöhnlichen Materialien wie Edelstahl und Thermoplastik experimentiert“, erzählt Güzin-Deveci Gröhs.

Diesem Konzept ist sie bis heute treu geblieben. Das zeigt, dass dieses erste Gefühl für Materialien und außergewöhnliche Formen das einzig Richtige war, um Schmuck zu kreieren, der in seiner Ausführung ruhig als einzigartig bezeichnet werden kann. Schmuckstücke aus ihren Kollektionen sind in ihrer Filigranität, aber auch Funktionalität unverwechselbar. Und das fällt nicht nur dem Laien auf: Schon 2014 wurde man auf sie aufmerksam, als sie ihre Werkstücke im Rahmen eines Wettbewerbs für Objektgestaltung in Berlin erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentierte. Plötzlich waren sie da, die Interessenten, und kauften ihre Kunstwerke, bis ihr Bestand erschöpft war. Das sprach sich in der Branche herum und 2015 nahm sie mit ihrer Kollektion an der Blickfang Designmesse im Wiener MAK teil. Wie bei einem Puzzle fügte sich ein Stück nach dem anderen zu einem Gesamtbild zusammen, Aufträge flatterten ins Haus und schon bald war sie nicht mehr gezwungen, die doch sehr aufwendigen Arbeiten aus eigener Tasche vorzufinanzieren.

2018 fielen ihre Kreationen für eine Kampagne der „Österreich Werbung“ auf und als der Produktdesigner Thomas Feichtner sie auswählte, mit fünf weiteren Designern ihre Werke zu präsentieren, war dies der erste Schritt in Richtung unkonventionelles Schmuckdesign. Ihr Weg führte sie dabei nach Stuttgart, Köln, Hamburg, Zürich und Basel. Liebhaber filigraner Kunst definierten fortan ihren Kundenkreis, zu dem Männer und Frauen aller Altersklassen gehören, die sich das eine oder andere individuelle Stück gönnen wollen. Ringe, Ketten und Ohrgehänge in skurrilen Formen, unterschiedlichsten Materialien und Farben sind ihr zu eigen und haben eine treue Anhängerschaft gefunden. „Es kommt vor, dass ich nächtelang darüber grüble, womit ich meine Kunden überraschen könnte“, bemerkt sie. Daran ändert auch ihre Lehrtätigkeit nichts, welche die Designerin noch immer aus Überzeugung ausübt, „um Kulturen zusammenzubringen“, wie sie es treffend formuliert. Minimalistische Elemente aus Polyamid liefert der 3D-Drucker, danach geht es um eine möglichst funktionelle Anwendungsweise, die es sogar erlaubt, einzelne Schmuckstücke in verschiedenen Variationen zu tragen.

Die Ideen scheinen ihr jedenfalls nicht auszugehen, was ihre mittlerweile sechste Kollektion beweist. Sie liebt Herausforderungen und wird des Spiels mit Material und Form, das ihren unverwechselbaren Stil nach außen trägt, nicht müde. Sie selbst schmückt sich kaum mit Accessoires. Nur ein Ring ziert ihren Finger, der ihre Individualität zum Vorschein bringt.

Weitere Infos: www.un-wearable-design.com

 

Text: Wolfgang Unger
Fotos: un-wearable , Wolfgang Unger