Die ganze Stadt in einer Bohne

Von Wienern, für Wiener, aber nicht klassisch wienerisch: Philip Feyer will mit dem „Jonas Reindl” Spezialitätenkaffee populär machen.

Eigentlich beginnt alles schon beim Namen – und mit ein bisserl Wiener Schmäh. Einen Herrn Reindl als Kaffeehaus-Chef gibt es nämlich nicht. „Obwohl ich noch immer E-Mails mit ‚Sehr geehrter Herr Reindl!’ bekomme”, erzählt Philip Feyer mit einem leichten Grinsen. Aber einen ehemaligen Wiener Bürgermeister gibt es, nach dem die reindlförmige Bim-Schleife am Schottentor benannt ist – und auch das erste Café, das Feyer vor fünf Jahren gleich ums Eck in der Währinger Straße eröffnet hat. „Schottentor hat früher bei uns in der Familie niemand gesagt. Es war immer nur das Jonas-Reindl. Und das ist einfach picken geblieben”, so Feyer.

Ausschließlich dort picken geblieben ist man aber nicht: In der Westbahnstraße am Neubau hat das „Jonas Reindl” seit heuer einen zweiten Standort. Dort bietet Feyer sogenannten „Specialty Coffee” aus Ländern wie Nicaragua, Äthiopien, Kenia, Panama oder Guatemala an. Typisches Wiener Flair kommt trotzdem auf, dank „einer wirklich supergenialen Idee unserer Design-Agentur Alphakanal.”, so Feyer. Die Reindl-Form findet sich so bereits in den beiden Buchstaben „J” und „R” im Logo. Das wiederum ist um genau 23 Grad – stellvertretend für die 23 Wiener Bezirke – geneigt. Ein genauerer Blick auf die Take-Away-Becher oder die dunkelblauen Karton-Boxen der einzelnen Kaffeesorten macht das Konzept noch deutlicher: Ins Licht gehalten, glänzen darauf nämlich einem Reindl gleiche, geschwungene Linien – ganz so wie die Schienen der Straßenbahnen, wenn diese in der Abendsonne an den beiden Cafés vorbeifahren.

Popcorn-Flair in der Rösterei

Auch geröstet wird am neuen Standort zweimal in der Woche. „Das war immer schon mein Traum”, so Feyer. Wie das in der Praxis aussieht? Mit Kopfhörer und Laptop ausgestattet, wirkt Feyer eher wie ein DJ, wenn er vor dem 400 Kilogramm schweren, pechschwarzen Röster sitzt. Passend zum Vergleich: Sein Gehör ist dabei das Um und Auf. Dabei dreht sich nämlich alles um den „First Crack”: „Durch chemische Prozesse während des Röstvorgangs bläht sich die Bohne fast zu seiner doppelten Größe auf. Irgendwann platzt sie dann. Das klingt ein bisschen wie Popcorn in der Mikrowelle.” Dann beginnt die sogenannte „Entwicklungsphase” des Kaffees. Dabei ist es jedem Röster selbst überlassen, wie lange diese dauert.

„Skandinavisch” legt Feyer seine Röstungen an – sprich nicht zu dunkel, damit alle einzigartigen Geschmacksnoten auch zur Geltung kommen – mit jeweils sieben bis zehn Kilo Kaffeebohnen. „Es ist sonst eher üblich, sehr dunkel zu rösten. Das heißt, die rauchige, ein bisschen verbrannte Geschmacksnote dominiert und stellt dann alles andere eher in den Schatten.”

„Alles andere” sind in diesem Fall die komplexen Aromen der sechs verschiedenen Sorten, die Feyer anbietet: von dunkler Schokolade und Nougat beim Espresso „Finca los Alpes” aus Nicaragua bis hin zu Zitrus und Kirsche beim kenianischen Filterkaffee „Ngutu – Rwaikamba”. Ersterer wird übrigens ganz ohne Zwischenhändler vermarktet. Feyer war selbst vor Ort, um sich ein Bild von der Farm und den dortigen Arbeitsbedingungen zu machen. Der enge Kontakt zum Betreiber ist geblieben, auch wenn dieser quasi am anderen Ende der Welt ist. „Per WhatsApp bekomme ich regelmäßig Fotos mit Updates geschickt, etwa als eine neue Maschine zum Sortieren der Kaffeekirschen angeschafft wurde.”

Ob diese Internationalität den Wienern mit ihrer traditionellen Kaffeehauskultur denn überhaupt gefällt? Ja, meint Feyer: „Schon unser Name sagt ja aus, dass wir ein Kaffeehaus von Wienern für Wiener sind. Aber wir wollen zeigen, dass Wien auch ein bisschen anders sein kann.”

Text: Andrea Hörtenhuber
Fotos: Faisal Matin, Alphakanal., Max Manavi-Huber