Wo man die Liebe zu Ton neu entdeckt

Erde, die erdet: Im Keramikstudio „rami” kann man vom stressigen Alltag abschalten.

Die hohen Metallregale, die bis unter die Decke reichen, sind voll mit kleinen Schüsseln, Skulpturen, Vasen und Tassen. Der warme, leicht feuchte Geruch von Erde liegt in der Luft. Wer das Keramikstudio „rami” betritt, taucht in eine Welt voll bunter Farben und alter Handwerkskunst ein. Vor knapp einem Jahr haben Anouk Siedler, Teresa Dolezal und Kate Thompson das Ecklokal am Volkertplatz 15 im 2. Bezirk zu einem Treffpunkt für Liebhaber der Tonarbeit gemacht. Kennengelernt haben sich die drei Frauen während des Masterstudiums „Menschenrechte”.

Angefangen hat alles mit Siedlers erster Schwangerschaft. „Ich wollte etwas Neues ausprobieren und das Töpfern hat mich schon immer gereizt”, so die 30-Jährige. Kaum hatte sie sich angemeldet, wollte sich auch Thompson an der Drehscheibe probieren. Zum zweiten Kurstermin ist die Psychologin dann einfach mitgegangen. Auch Dolezal, die bereits in ihrer Schulzeit mit Ton gearbeitet hat, fand wieder zu ihrer alten Leidenschaft zurück. „Man muss wirklich runterkommen, um zu töpfern – weil sonst geht nichts. Es ist etwas Kreatives. Man arbeitet mit den Händen. Ich denke, vielen fehlt so etwas im stressigen Büroalltag”, erklärt Thompson. „Die Erde, die erdet”, so Siedler.

Perfektion ist fehl am Platz

Die Freundinnen wollten auch nach dem Kurs weiter töpfern und ihre Fertigkeiten verbessern. Doch auf der Suche nach einer offenen Werkstatt, in die jeder kommen und ohne Kursleitung arbeiten kann, wurden sie in Wien nicht fündig. „So kam uns die Idee, einfach selbst eine offene Werkstatt zu machen”, erinnert sich Thompson. Dolezal gab schließlich den Anstoß zum eigenen Keramikstudio. Dass jeder Töpfern lernen kann, davon sind die drei Frauen überzeugt. „Die Keramik ist vielseitig, es gibt so viele Techniken. Jeder kann etwas finden, das ihm persönlich taugt.” Selbst wenn sich jemand nicht gerne die Hände schmutzig macht, gibt es eine Lösung. „Wir hatten schon einmal jemanden, der mit Handschuhen dasaß”, erzählt Dolezal.

Für Neueinsteiger haben die Handwerkerinnen vor allem einen Tipp: kneten. „Das ist das A und O”, weiß Siedler. Ein häufiger Anfängerfehler sei das falsche Kneten des Tons, wodurch sich Luftbläschen bilden. Bemerkt man sie rechtzeitig, müssen sie aufgestochen werden. „Das ist eine schreckliche Arbeit”, so Thompson. „Oder die Luft expandiert im Ofen, das Stück explodiert und geht kaputt.” Aber nicht nur bei der Technik gibt es anfänglich Herausforderungen. Perfektionismus passe nicht zum Töpfern, sind sich die Frauen einig. So kommt es häufig vor, dass ein Stück nach dem Brennen anders aussieht als erwartet. Die Weiterentwicklung, die jeder durchmache, sei das Besondere am Töpfern. „Oft denkt man: ‚Oh, das ist das Beste, was ich je gemacht habe.’ Und dann, zwei Wochen später, erkennt man erst, was alles nicht passt.”

Bei „rami” gibt es Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse. Jedes Wochenende findet ein Intensivkurs statt. Ende Juni startet ein achtwöchiger Kurs, der einmal pro Woche stattfindet. Wer alleine weiterarbeiten möchte, kann auch einen Platz an der Drehscheibe mieten. Für jene, die regelmäßig töpfern wollen, werden die Plätze auch im Fünfer- oder Zehnerblock vermietet. Infos: www.rami-ceramics.com

 

Text: Barbara Schuster
Fotos: Markus Spitzauer