Nostalgischer Bummel durch Wien

Freya Martin setzt dem traditionsreichen Wiener Handwerk, Handel und Gewerbe mit 140 farbenfrohen und meist unveröffentlichten Bildern ein liebevolles Denkmal.

„Wiener Traditionsgeschäfte“ ist bereits Ihr zweites Buch zu diesem Thema. Was macht die Faszination daran aus? Diese Betriebe sind ein Stück Kulturgeschichte – sie gehörten und gehören zu Wien wie Stephansdom, Riesenrad und das Schnitzel. Gleichzeitig sind die Geschichten mit vielen Emotionen verbunden, das höre ich auch oft bei Lesungen. Wenn mir jemand erzählt, dass er früher jeden Samstag mit der Großmutti zum Demel auf eine heiße Schokolade gegangen ist. Oder dass man jeden Freitagabend mit dem Papa in die Stadt zum Trześniewski gefahren ist und sich zwei Brötchen aussuchen durfte. Das sind ganz emotionale Geschichten , deswegen bewegt das Thema so.

Der Untertitel Ihres Buches lautet „Bilder wecken Erinnerungen“. Welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an einen typischen Wiener Traditionsbetrieb denken? Auf jeden Fall mal eines in Schwarz-Weiß. Aber generell kann man das nicht auf ein einziges Bild runterbrechen – die Mischung macht’s. Demel, Manner und Sacher, die ein umfassendes Markenkonzept aufgebaut haben und deren Sackerl teilweise schon auf Willhaben verkauft werden. Dann das Trześniewski mit Brötchen, die es nur in Wien gibt. Daneben aber wieder jüngere Unternehmen wie Mühlbauer mit internationalem Erfolg: Sogar Brad Pitt ist dort Kunde! Ein sehr buntes Bild also – aber trotzdem eines in Schwarz-Weiß.

Neben diesen erfolgreich positionierten Marken gehören viele der sogenannten Wiener Traditionsgeschäfte ja zu einer eher aussterbenden Spezies …
Sie sind halt weder so stylish noch so durchgeplant wie die neuen Flagshipstores – dieses Imperfekte gehört aber dazu. Im Gegenzug hat man einen unglaublich hohen Kundenservice, oft verbunden mit der typischen Wiener „Küss-die-Hand-Mentalität“. Aber das macht das Einkaufserlebnis aus. Für viele jüngere Kunden allerdings ist das leider auch oft eine Hemmschwelle. Da traut man sich dann nicht so schnell in ein Geschäft rein.

Vor welchen Problemen steht man noch? Die Traditionsbetriebe konzentrieren sich vor allem im sogenannten „Goldenen U“: Kärntner Straße, Graben, Kohlmarkt bis zum Michaelerplatz rauf. Das war damals, vor 150 Jahren, schon die „Poleposition“ in der Stadt und ist es heute auch noch. Das ist aber auch gleichzeitig die Krux: Dort wollen nämlich auch die großen Ketten hin. Mietpreis-Anpassungen sind eine große Herausforderung. Das Café Lehmann am Graben etwa musste 2008 schließen. Die Miete betrug zum Schluss 35.000 Euro pro Monat – das muss man mal reinbringen mit Melange und Tortenstückerl. Oft gibt es aber auch Nachfolgerprobleme. Der Fleischhauer Weisshappel am Peters- platz musste deswegen 2009 zusperren. Der brachte Kaiser Franz Joseph schon seine Frühstückswürstel – jetzt ist im selben Haus halt eine asiatische Restaurantkette.

Neben Online-Einkauf und riesigen Marken: Wie kann man sich als Traditionsbetrieb erfolgreich ins „neue Shopping-Zeitalter“ retten? Man muss sich Nischen suchen. So wie die Silberschmiede Vaugoin in der Zieglergasse: Paul Vaugoin hat nach dem Tod seines Vaters das Unternehmen mit nur 21 Jahren übernommen. Der wichtigste Bestandteil des Portfolios: Silberbestecke. Aber wer isst heutzutage noch damit? Gefunden hat man die Lösung im Orient: Dort ist man irrsinnig erfolgreich, viele Scheichs und Schahs lassen sich mittlerweile ihr Besteck von Vaugoin handanfertigen. Oder Scheer Schuhe in der Bräunerstraße: Die verkaufen handgefertigte Schuhe nach eigenen Schnitten mit exklusivem Leder. Da ist man zwar schnell im vierstelligen Preissegment. Aber wenn die Sohle abgetragen ist, kann man sie einfach austauschen. Solche Produkte hat man 30, 40 Jahre – Nachhaltigkeit ist hier das Stichwort. Das wiederum ist ja derzeit in aller Munde – somit quasi ein moderner Brückenschlag.

 

„Wiener Traditionsgeschäfte. Bilder wecken Erinnerungen”
(128 Seiten) gibt es um 19,99 Euro im Handel.


Text:
Andrea Hörtenhuber
Fotos: Markus Spitzauer, Sutton