Versteckte Emotionen

Zahlen, Preise, Kalkulationen – aber mit viel Gefühl: Ein Besuch im Neubauer Atelier Glein.

Das Volkswissenschaftliche war für mich immer spannend.” Fragt man Sebastian Leitinger nach seinem Zugang zu Design, kommt eine recht atypische Antwort. Zahlen? Preise? Kalkulationen? Auf den ersten Blick ein recht eigener Zugang zu dem doch sehr emotionalen Thema Design – der sich jedoch erschließt, wenn man Leitinger weitererzählen lässt. 

Seinen technischen Background, den hat Leitinger von der HTL für Hochbau, die er in der Südsteiermark absolviert hat. Ich denke sehr technisch, meine Familie kommt aus der Holzindustrie.” Logischer nächster Schritt für Leitinger: Volkswirtschaft an der WU. Preis und Qualität, das hat mich immer schon interessiert.” Wobei man beim Stichwort Qualität” Leitingers nächsten Step schon eher nachvollziehen kann: die Angewandte. Aber auch hier: “Meine Projekte waren damals schon recht trocken und eigentlich durchführbar. Meine Professoren hat das nicht immer begeistert.” Verrücktes Design abseits des Alltäglichen? Fehlanzeige. Es ging mir halt immer darum, Dinge selber herzustellen – und zu wissen, um welchen Preis man sie dann verkaufen kann. Jetzt hilft mir das aber recht viel. Also: Was ist machbar und gut?”.

Tatsächlich: Gute Dinge für jeden Tag, für viele Jahre”, so beschreibt Leitinger auf seiner Homepage das Repertoire, das er in seinem Atelier und Studio am Neubau anbietet. Von Schuhen über Taschen und Portemonnaies bis zu massiven Holzmöbeln ist alles dabei. Das ist alles noch ein bisschen work in progress. Ausprobieren, was funktioniert, und die Schiene dann ausbauen”, so Leitinger, wieder ganz der Volkswissenschaftler. Gemein haben seine Produkte eines: Qualität. Ich will Alltagsgegenstände noch alltagstauglicher machen. Das ist ein bisschen wie Fehlersuchen.” Sprich: kleinere Münzfächer, die beim Portemonnaie nicht reißen; möglichst weiche und atmungsaktive Schuhe; simple Tote Bags aus weichem Leder, bei denen die Henkel nicht einreißen.

Waldviertler trifft DocMartens

Angefangen hat aber alles mit Derby, einem wetterfesten Unisex Alltagsschuh. Jetzt produzieren wir gerade die zweite Generation. Jetzt werden sie richtig, richtig gut”, so Leitinger. Sieben verschiedene Leder werden derzeit für die Mischung aus Waldviertler und DocMartens verwendet, bei der ersten Generation waren es fünf. Man muss ständig einen Ticken besser werden.” Work in progress halt. Produziert werden die Schuhe in Kroatien, wo auch das Holz für die Glein-Möbel geschlagen wird. Aus Eiche, Esche oder Buche entstehen Betten, Kommoden, Bänke oder Regale – alles aus extrem breiten Dielen, hergestellt dann auf Maß in Tischlereien am Neubau und in Ottakring. Das geht nur in Tischlereien. Im Normalfall hat man in der Industrie vier-Zentimeter-Dielen – nur das ist effizient, nur so kann man das lagern.”

Aktuell verdient Leitinger an seinen Möbeln nichts – noch nicht. Ich lebe vom Ersparten, verdien ein bissi was nebenbei. Aber Selbstständigsein ist weiter das Ziel. Das was mein Opa damals als Bäcker immer wollte, aber nicht ganz geschafft hat.” Endlich – Emotion. Und es kommt noch mehr Gefühl: nämlich wenn man Sebastian Leitinger nach dem Namen Glein fragt. Meine Großeltern hießen Klein – mit K. Glein entstand dann aus meinem Nachnamen und den meines damaligen Partners Mario Gamser – einfach als Erinnerung an meinen Opa, das fand ich ganz schön.” Nachsatz: Und es gab halt auch schon eine Marke, die Klein mit K hieß.” Endlich Emotion – wenn auch mit ein bisschen Pragmatismus. Aber das Warten darauf hat sich gelohnt.

Text: Andrea Hörtenhuber
Fotos: Sebastian Leitinger

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