Was vom Griensteidl blieb

Hipster trifft Tourist: Das ehemalige „Café Größenwahn“ wird zum Experiment.

Keiner will es sein, aber alle sind es. Nämlich: Hipster. „Das ist schon ein lustiges Phänomen“, sagt Philipp Haufler beim Gespräch im Rien, dem neuen bzw. dem, was vom altehrwürdigen Café Griensteidl geblieben ist. „Geblieben“ deshalb, weil man schon von außen sieht, dass hier einerseits mit Traditionellem gespielt – aber andererseits auch Neues in den 1. Bezirk gebracht wird. Zum Teil mit Folie abgedeckt, zum Teil zugeklebt, blieb von der Aufschrift auf der Fassade eben nur mehr das „Rien” vom „gRIENsteidl“ über.

Im Inneren sieht man noch eindeutig, was hier vorher war – aber eben auch, dass hier neues Einzug gehalten hat. Als Erstes stechen die Deckengemälde ins Auge, allen voran der lebensgroße Bartenwal, gestaltet von Künstler Sascha Vernik alias Revkin. Auch das ist ein Verweis auf die Historie einerseits und modernes Design andererseits: Das Griensteidl war vor sehr langer Zeit auch als „Café Größenwahn“ bekannt – was es seinen visionären Besuchern zu verdanken hatte. Und was könnte Größenwahn besser symbolisieren als das größte Säugetier unserer Zeit?

Dass das Kunstwerk von Revkin stammt, der in Wien kein Unbekannter ist, fügt sich in einen weiteren Baustein des Konzepts: Spitzenleute mit verschiedenen Expertisen unter einem Dach zu vereinen. Denn ein Lokal, das sich gleichzeitig als „Labor für das, was im 1. Bezirk möglich ist“, versteht, gibt sich nicht „nur“ mit einer Spitzenküche zufrieden, nein, hier muss alles passen.

So hat man etwa Hubert Peter (früher Chef in der Barrikade) an Bord bzw. hinter die Bar geholt, er ist außerdem zweiter Geschäftsführer. Viola Bachmayr-Heyda macht im Rien alles, was süß ist, als Küchenchefs konnte man Simon Kotvojs vormals Mochi und Lucas Steindorfer aus „Die Liebe“ gewinnen.

Talk-Formate und Open Stage

„Wir wollten einfach viele Leute reinholen und mit ihnen arbeiten“, so Haufler, einer der zwei Rien-Geschäftsführer. Seit Ende August ist geöffnet, und das soll jedenfalls bis Ende Jänner so bleiben, wie es danach weitergeht, wird man sehen. Denn es handelt sich um ein Projekt zur Zwischennutzung – die Räumlichkeiten des Griensteidl wurden ihnen weder gratis überlassen noch wird der Betrieb subventioniert, wie Haufler betont.

Es ist zwar nach wie vor ein Restaurant, ein Café bzw. eine Bar, aber ganz gibt man sich mit dem gastronomischen Betrieb nicht zufrieden: Es gibt Konzerte, Lesungen, Talk-Formate, einmal im Monat eine Open Stage, bildende Kunst, Foto-Ausstellungen und auch die Schaufenster werden bespielt. „Wir wollen schauen, was man an so einem Standort machen kann“, sagt Haufler. Klar ist: An einem Ort wie diesem kommen unterschiedliche Gruppen zusammen: die ehemaligen Stammgäste des Griensteidl, Touristen und ebenjene, die man sonst eher auf Veranstaltungen in den Lokalitäten des 7. Bezirks vermuten würde. Aber das ist natürlich alles reines Klischee, denn wie sagt Haufler: Keiner will Hipster sein, aber alle sind es. Warum sollten die Hipster dann also nicht auch den 1. Bezirk erobern?

Text: Theresa Aigner
Fotos: Nina Keinrath / friendship.is

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