Plan D für Wally und Ambrogio

Marco Dessi startete als Schulabbrecher. Heute designt er für internationale Traditionsunternehmen.

Mit Eltern ist das ja bekanntlich so eine Sache – beziehungsweise mit dem, was sich Eltern für die Zukunft ihrer Kinder (und Kinder wiederum für ihre Zukunft) vorstellen. Oft klafft da nämlich eine große Lücke zwischen beiden Welten. So wie im Fall von Marco Dessi. Er: Schulabbrecher mit 14, seine Eltern: gar nicht begeistert. „Ich habe damals in keine Schublade gepasst, dann hat’s mir gereicht“, sagt Dessi. Der Plan B: eine Lehre.

Aber keine, die einen vielleicht für einen künftigen Designer vorschwebt – Stichwort: Schubladendenken. Sondern Zahntechniker. Was Plomben, Brücken und Bohrer mit Produktdesign zu tun haben? „Handwerk. Dafür hatte ich Talent, da bin ich schnell draufgekommen. Und für das Managen von Produktionsabläufen.“

Sicher: Ganz ohne Bezug zur Kunst ist Dessi, geboren in Meran, nicht aufgewachsen. Vater Ambrogio war Geologe, aber immer schon künstlerisch begabt; seine Mutter Wally Lehrerin für technische Erziehung. Dennoch: „Einen künstlerischen Beruf haben meine Eltern damals auf keinen Fall unterstützt“, so Dessi. Irgendwie auch verständlich: „Künstler“ war damals, vor 30 Jahren, wohl weit weg von dem, was Eltern als gesicherte Zukunft für den Nachwuchs bezeichnen.

Näher dran ist da schon Zahntechniker. Die Lehre hat Dessi nach sechs Jahren abgeschlossen. „Ein tougher Job, mit vielen fixen Arbeitsstunden. Mir war das damals noch immer zu wenig offen.“ Also Plan C: Architekturluft schnuppern. Wiener Architekten hatte Dessi während seiner Zeit an der Berufsschule Baden kennengelernt, für die er nun Modelle baute – und schließlich auch deswegen in die Stadt nach Wien zog. Auch das gefiel den Eltern nicht sonderlich: ‘Du wirst auch noch zurückkommen’ hat meine Mutter damals zu mir gesagt“, so Dessi. Recht hatte sie damit nicht. Über Umwege kam der Sohn schließlich an die Angewandte, in die Klasse für Produktdesign. Und der Plan D ging auf: Nach den ersten gewonnenen Wettbewerben folgten die ersten Publikationen in Magazinen. „Da wusste ich: Das ist es. Und da waren meine Eltern dann schon auch stolz.“

 

Stolz können sie auch sein, denn die Marke Dessi funktioniert – und das sehr gut. Kein überdekoriertes Design, sondern Leichtigkeit und vor allem Komfort bedeutet das in der Praxis für die von Dessi bisher gestalteten Sofas, Tische, Sessel, Lampen und Geschirrserien. Begeistert sind davon auch österreichische Manufakturen wie Lobmeyer oder die Wiener Porzellanmanufaktur Augarten, die mit Dessi bereits zusammengearbeitet haben. Quasi Design, frei nach dem Motto: „Entstauben alter Traditionsunternehmen“. Sogar zum Fernsehstar schaffte es eines von Dessis Stücken: Sein erstes gepolstertes Sofa „Odeon“ das er für die Möbel-Manufaktur Wittmann produzierte, war in der ORF-Serie „Vorstadtweiber” zu sehen. „Abgesehen davon, dass ich die Serie selbst sehr amüsant gefunden habe, musste ich da schon schmunzeln.“

 

 

Also keine Spur von abgehobenem Bobo-Design und von Entwürfen im stillen Kämmerchen: Die Leichtigkeit seiner Produkte spiegelt sich bei Dessi auch in seiner Persönlichkeit – und vice versa. „Man darf das alles nicht zu ernst nehmen. Designer ist ja doch ein sehr materialistischer, oberflächlicher Beruf“, sagt Dessi und setzt noch eins drauf: „Ich arbeite ja in keinem sozialen Job mit viel Verantwortung. Also, ob ich jetzt ein neues Sofa designe oder nicht – das darf man nicht so verbissen sehen.“ Dieser Zugang ist wohl auch Dessis Geheimnis, wenn’s mal nicht so läuft: „Sich auf Familie oder Freunde zu besinnen – also das, was wirklich wichtig ist im Leben – hilft, wenn die Erfolgsmomente mal ausbleiben.“ Derzeit sieht es aber mal nicht so aus: Nach Aufträgen für die kürzlich stattgefundene Design Week steht eine Kooperation mit einer Lampenschirm-Firma aus dem Burgenland sowie eine eigene Dessi-Schau im Herbst nächsten Jahren in Wien an.

Und auch die Sache mit den Eltern findet eine Fortsetzung. Ambrogio Dessi ließ sich vom Sohnemann in Sachen Grafik inspirieren, im Mai gibt’s daher die erste Ausstellung zusammen. Also nicht nur ein Happy End für Dessi und seine Eltern, sondern sogar eine gemeinsame Zukunft.

Text: Andrea Hörtenhuber
Fotos: Marco Dessi

2017-10-17T09:40:12+00:00